Stabilitätsfaktor Selbstbewusstsein
Sucht und Suchtverhalten begann bei mir im Alter von 13 Jahren. Begonnen hat es mit den Zigaretten. Ich wollte aus meiner Rolle als Langweiler heraus und zu den coolen Jungs gehören, auf die die Mädels so abgefahren sind. Funktioniert hat das nicht und an den Zigaretten klebe ich bis heute. Mein Vater brachte mich dann zu einer Psychologin, die bei mir ein ADS diagnostizierte, welches dann auch mit Ritalin behandelt wurde. Geholfen hat es nur im ersten halben Jahr. Mit 15 lernte ich dann eine neue Droge kennen, das Internet. Zusammen mit Freunden hatten wir eine Homepage, mit bis zu 20.000 Besuchen täglich. Über das Internet bekam ich die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ich in der Schule nicht erreichen konnte. Dort war ich Außenseiter und Mobbingopfer und in den tiefen des Netzes konnte ich wenigstens ein bisschen mein desolates Selbstwertgefühl aufwerten. Meine Eltern bemerkten, dass ich anstatt zu schlafen, nNachts lieber vor dem PC saß;, aber keine der Maßnahmen, welche die sie ergriffen, brachte mich vom Computer weg. Als sich dann ein Jahr später mein Vater das Leben nahm, wurde die virtuelle Welt der Ort für mich, wo ich Trost und Zuhörer fand.
Die grüne Brille
Als Resultat verschlimmerte sich mein Verhalten, wohl auch meine Depressionen und Schlafstörungen, so dass ich begann, mit Cannabis zu experimentieren. Die grüne Brille bot mir erst am Wochenende, später auch unter der Woche die Möglichkeit, aus meiner öden, langweiligen und stumpfen Welt zu flüchten. Mit dem Gedanken an den Joint am Abend wurde der Schulalltag irgendwie erträglich. Mit dem Gras kamen auch die üblichen Kifferfreunde; wenigstens etwas, deutlich besser als gar nichts und Schlafen funktionierte auch. Zwei Jahre ging das gut, dann musste ich das Gymnasium wegen Depressionen verlassen. Burn Out; dachte ich damals. Dass es wohl was ganz anderes war begriff ich erst, als ich vier Monate später mit einer Psychose auf die geschlossene Station einer Psychiatrie kam. Cannabis half mir nun wieder. Es linderte die Depression und machte die nun grau und schwarz gefärbte Welt zumindest stundenweise erträglich.
Neue Möglichkeiten der Manipulation
Hochspannend war es zu erleben, wie Psychopharmaka und Cannabis meinen Hirnstoffwechsel, meine Stimmung und Wahrnehmung beeinflussten. Die Manipulationsmöglichkeiten waren so vielfältig und interessant, dass ich ihnen in hypomanen Zuständen diesen unmöglich widerstehen konnte. Das Resultat waren zwei Aufenthalte in der Notaufnahme mit anschließender Einweisung in die Psychiatrie. Erst der zweite Besuch in einer Notaufnahme, massiver Druck aus meiner Selbsthilfegruppe und einem Selbsthilfe-Forum brachten mich zu der Einsicht, dass eine längere stationäre Therapie in einer Fachklinik, mit der Einstellung auf die richtigen Medikamente unabdingbar war.
Auf dem Weg zu einem gesunden Selbstwertgefühl
Die Klinik, aber vor allem meine Mitarbeit und Vernunft brachten dann den erhofften Erfolg. Eine, durch die Medikamente erreichte Stabilität brachte gab mir die Möglichkeit, meine Verhaltensweisen zu hinterfragen. Erst Monate später wurde mir bewusst, wie riskant meine Verhaltensweisen waren, wie knapp ich dem Tode entkommen war. Nun konnte ich auch wieder die Schule besuchen und mich den sozialen Herausforderungen des Alltags stellen. Gelernt habe ich folgendes: Drogen und Medikamentenmissbrauch können eine unerträgliche Situation erträglich gestalten, in der Konsequenz machen sie diese nur noch schlimmer. Das Bewältigen von Herausforderungen im Alltag, gute Noten in der Schule und soziale Kontakte tragen sehr viel nachhaltiger zu einem gesunden Selbstwertgefühl bei, als die grüne Brille oder sonstige Drogen, denn diese helfen nur kurzfristig. Als mir dieser Mechanismus bewusst wurde, war es dann plötzlich ganz klar und einfach, dem Substanzmissbrauch Adieu zu sagen.
Meine Familie
Meine Angehörigen hatten von meinen Eskapaden immer nur die Höhepunkte mitbekommen. Jahrelang konnte ich meinen Substanzmissbrauch erfolgreich verheimlichen und verstecken. Meine Mutter war in dieser Beziehung auch ziemlich unbedarft. Sie hätte sich nicht vorstellen können, dass ihre Kinder regelmäßig zum Joint oder der Bong gegriffen haben und auf ihrer Meinung hätte ich damals vermtlich eh wenig Wert zugemessen. Mein Bruder wusste von meiner bipolaren Störung und hat mein Cannabiskonsum, trotz dieser Krankheit, nicht als problematisch bewertet. Zu einem Familienthema wurde das Ganze erst dann, als ich wegen den Medikamentenintoxikationen zwei mal in die Notaufnahme musste. Vor allem meine Schwester war von meinem Verhalten sehr schockiert und ihre Sorgen und “Kontrollen” haben die Verhaltensänderung bei mir begünstigt. Auch mein Freundeskreis mahnte mich eindringlich, doch mit diesem “Tablettenscheiß” aufzuhören. Von allen Seiten bekam ich zu hören, endlich “vernünftig” zu werden. Geändert hätte sich letztendlich aber nichts, wenn mir nicht selber bewusst geworden wäre, wie ich mir damit meine Gesundheit ruiniere, ich in der Konsequenz nur ein Dauergast in der Psychiatrie bin.
Geschrieben von Volker Mehlfeld, Erstveröffentlicht in der In Balance Ausgabe 03/2008

