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Stabilitätsfaktor Selbstbewusstsein

Sucht und Suchtverhalten begann bei mir im Alter von 13 Jahren. Begonnen hat es mit den Zigaretten. Ich wollte aus meiner Rolle als Langweiler heraus und zu den coolen Jungs gehören, auf die die Mädels so abgefahren sind. Funktioniert hat das nicht und an den Zigaretten klebe ich bis heute. Mein Vater brachte mich dann zu einer Psychologin, die bei mir ein ADS diagnostizierte, welches dann auch mit Ritalin behandelt wurde. Geholfen hat es nur im ersten halben Jahr. Mit 15 lernte ich dann eine neue Droge kennen, das Internet. Zusammen mit Freunden hatten wir eine Homepage, mit bis zu 20.000 Besuchen täglich. Über das Internet bekam ich die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ich in der Schule nicht erreichen konnte. Dort war ich Außenseiter und Mobbingopfer und in den tiefen des Netzes konnte ich wenigstens ein bisschen mein desolates Selbstwertgefühl aufwerten. Meine Eltern bemerkten, dass ich anstatt zu schlafen, nNachts lieber vor dem PC saß;, aber keine der Maßnahmen, welche die sie ergriffen, brachte mich vom Computer weg. Als sich dann ein Jahr später mein Vater das Leben nahm, wurde die virtuelle Welt der Ort für mich, wo ich Trost und Zuhörer fand.

Die grüne Brille

Als Resultat verschlimmerte sich mein Verhalten, wohl auch meine Depressionen und Schlafstörungen, so dass ich begann, mit Cannabis zu experimentieren. Die grüne Brille bot mir erst am Wochenende, später auch unter der Woche die Möglichkeit, aus meiner öden, langweiligen und stumpfen Welt zu flüchten. Mit dem Gedanken an den Joint am Abend wurde der Schulalltag irgendwie erträglich. Mit dem Gras kamen auch die üblichen Kifferfreunde; wenigstens etwas, deutlich besser als gar nichts und Schlafen funktionierte auch. Zwei Jahre ging das gut, dann musste ich das Gymnasium wegen Depressionen verlassen. Burn Out; dachte ich damals. Dass es wohl was ganz anderes war begriff ich erst, als ich vier Monate später mit einer Psychose auf die geschlossene Station einer Psychiatrie kam. Cannabis half mir nun wieder. Es linderte die Depression und machte die nun grau und schwarz gefärbte Welt zumindest stundenweise erträglich.

Neue Möglichkeiten der Manipulation

Hochspannend war es zu erleben, wie Psychopharmaka und Cannabis meinen Hirnstoffwechsel, meine Stimmung und Wahrnehmung beeinflussten. Die Manipulationsmöglichkeiten waren so vielfältig und interessant, dass ich ihnen in hypomanen Zuständen diesen unmöglich widerstehen konnte. Das Resultat waren zwei Aufenthalte in der Notaufnahme mit anschließender Einweisung in die Psychiatrie. Erst der zweite Besuch in einer Notaufnahme, massiver Druck aus meiner Selbsthilfegruppe und einem Selbsthilfe-Forum brachten mich zu der Einsicht, dass eine längere stationäre Therapie in einer Fachklinik, mit der Einstellung auf die richtigen Medikamente unabdingbar war.

Auf dem Weg zu einem gesunden Selbstwertgefühl

Die Klinik, aber vor allem meine Mitarbeit und Vernunft brachten dann den erhofften Erfolg. Eine, durch die Medikamente erreichte Stabilität brachte gab mir die Möglichkeit, meine Verhaltensweisen zu hinterfragen. Erst Monate später wurde mir bewusst, wie riskant meine Verhaltensweisen waren, wie knapp ich dem Tode entkommen war. Nun konnte ich auch wieder die Schule besuchen und mich den sozialen Herausforderungen des Alltags stellen. Gelernt habe ich folgendes: Drogen und Medikamentenmissbrauch können eine unerträgliche Situation erträglich gestalten, in der Konsequenz machen sie diese nur noch schlimmer. Das Bewältigen von Herausforderungen im Alltag, gute Noten in der Schule und soziale Kontakte tragen sehr viel nachhaltiger zu einem gesunden Selbstwertgefühl bei, als die grüne Brille oder sonstige Drogen, denn diese helfen nur kurzfristig. Als mir dieser Mechanismus bewusst wurde, war es dann plötzlich ganz klar und einfach, dem Substanzmissbrauch Adieu zu sagen.

Meine Familie

Meine Angehörigen hatten von meinen Eskapaden immer nur die Höhepunkte mitbekommen. Jahrelang konnte ich meinen Substanzmissbrauch erfolgreich verheimlichen und verstecken. Meine Mutter war in dieser Beziehung auch ziemlich unbedarft. Sie hätte sich nicht vorstellen können, dass ihre Kinder regelmäßig zum Joint oder der Bong gegriffen haben und auf ihrer Meinung hätte ich damals vermtlich eh wenig Wert zugemessen. Mein Bruder wusste von meiner bipolaren Störung und hat mein Cannabiskonsum, trotz dieser Krankheit, nicht als problematisch bewertet. Zu einem Familienthema wurde das Ganze erst dann, als ich wegen den Medikamentenintoxikationen zwei mal in die Notaufnahme musste. Vor allem meine Schwester war von meinem Verhalten sehr schockiert und ihre Sorgen und “Kontrollen” haben die Verhaltensänderung bei mir begünstigt. Auch mein Freundeskreis mahnte mich eindringlich, doch mit diesem “Tablettenscheiß” aufzuhören. Von allen Seiten bekam ich zu hören, endlich “vernünftig” zu werden. Geändert hätte sich letztendlich aber nichts, wenn mir nicht selber bewusst geworden wäre, wie ich mir damit meine Gesundheit ruiniere, ich in der Konsequenz nur ein Dauergast in der Psychiatrie bin.

Geschrieben von Volker Mehlfeld, Erstveröffentlicht in der In Balance Ausgabe 03/2008

Die Diagnose „Bipolare Störung Typ II“ bekam ich im Alter von 18 Jahren. Begonnen hatte der Verlauf drei Jahre vorher mit der ersten Depression, sozialem Rückzug und völligem Interessenverlust an Schule, Hobbys und Freundschaften. Mit 17 kam die erste Hypomanie, sie brachte zwanzig neue Freundschaften und eine Alkoholvergiftung. Die Bipolare Störung bedeutete für mir den Beginn meines Erwachsenenalters. Nicht nur, weil mein 18. Geburtstag auch gleichzeitig mein erster Psychiatertermin war. Vor allem war es das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit etwas völlig auf mich allein gestellt war. Meine Eltern brachten ihre Einstellung mit den Worten „Du gehst in Therapie und dir ist ja wohl klar, dass mit so einem Verhalten dann mal Schluss ist“ ziemlich gut auf den Punkt. Meine Freunde hatten genau wie ich kaum Vorwissen über psychische Krankheiten. Wir wussten, dass depressiv so etwas wie traurig bedeutet und dass es eine Institution gibt, die im Volksmund „Klapse“ genannt wird.

Bei fehlendem Vorwissen und einer noch so im Wachsen begriffenen Persönlichkeit fiel die Bipolare Störung in all ihrer Dynamik natürlich auf fruchtbaren Boden. Ich begann gerade erst herauszufinden, wer ich war, was ich wollte, wie meine Zukunft aussehen sollte. Aber mit den Schwankungen meiner Stimmung begann auch das zu schwanken. Es ging so weit, dass sich für jede Stimmungslage eine eigene Person entwickelte. Nicht im Sinne einer multiplen Persönlichkeitsstörung, vielmehr hatte ich je nach Stimmung andere feste Vorstellungsschemata von meiner Zukunft. Ich sah mich immer in einem anderen Licht und auch die Sympathien für meine Mitmenschen schwankten ständig. Das machte das Halten von Freundschaften ein wenig problematisch. Wie will man jemandem erklären, dass man ihn jetzt leider die nächsten zwei Wochen nicht leiden kann? Auch das Bewusstsein, überhaupt krank zu sein, schlug sich später sehr nieder. Habe ich eine Krankheit, lebe, oder bin ich sie?

Als die Behandlung beim Psychiater begann, musste ich feststellen, dass ich nicht die beste Wahl getroffen hatte. Der Arzt war eher herablassend und tat sich offensichtlich sehr schwer damit, zu beurteilen, ob ich lediglich in der späten Pubertät war, oder ein ernstes Problem hatte. Für mich war mein Problem sehr ernst und ironischer Weise rief der Wunsch, als Erwachsene wahrgenommen zu werden, eine der kindlichsten Reaktionen hervor: den Trotz. „Wie kannst du in deinem Alter schon verstehen, wie es mir jetzt geht! Ich werde dir schon zeigen, wie schlecht es mir geht!“. Drei Tage später musste ich wegen Suizidalität auf die Geschlossene.

In der nächsten Zeit bekam ich fünf verschiedene Medikamente, die mich entweder haltlos hypoman machten, oder gar nicht wirkten. Der einzige lang anhaltende Effekt war, dass meine Phasen sich willkürlich verkürzten und Rapid Cycling einsetzte. Die Diagnose trug mir mein Arzt etwa folgender Maßen vor: „Wahrscheinlich sind Sie manisch depressiv. Die Diagnose gebe ich in Ihrem Alter aber nicht so gerne, denn sie sind eigentlich zu jung, um das sicher sagen zu können“. Mein erster Gedanke war etwas wie: Toll, früher war ich zu jung zum Autofahren. Jetzt wo ich das darf, bin ich zu jung für meine eigene Krankheit. Der oft beschriebene Effekt der Erleichterung, dass die Krankheit einen Namen hat, dass man sich nicht dafür schämen muss, rettungslos bekloppt zu sein, blieb also aus. Mein Arzt teilte mir ja praktisch mit: „Es gibt da eine Krankheit, die hat einen Namen, aber wahrscheinlich haben Sie die sowieso nicht“.

Meine Skepsis in die Behandlung wurde weiter dadurch gefördert, dass ich über die Krankheit oder die Medikamente keine Informationen bekam. Natürlich kann ein Arzt mit einem vollen Wartezimmer nicht die Informationsarbeit leisten, die bei einer so umfangreichen Störung nötig ist. Aber einige Sätze wären förderlich gewesen. Nach einer Zeit war ich so frustriert, dass ich die Medikamente eigenhändig absetzte. Das Ergebnis war eine mittlere Katastrophe, ich bekam starke Entzugserscheinungen, griff zu Drogen, um sie zu kompensieren. Die Compliance war komplett hinüber.

In der Zeit, nachdem ich, kurz vor meinem 19. Geburtstag, von zuhause ausgezogen war, merkte ich, dass es so nicht funktionieren konnte. Es ist meine Krankheit, also muss ich mich auch darum kümmern. Von Freunden bekam ich den Tipp, mich in Internetforen umzuschauen. Über diesen Weg fand ich viele Kontakte und Infos. Endlich trat der Effekt ein, es gab noch viele Leute mit dieser Krankheit. Ich war nicht mit einem unheilbaren Schaden geboren. Vorallem konnte ich in den Gesprächen an Vorbildern lernen. An Positiven (Wie leben stabile Leute damit?) wie an Negativen (Will ich es wirklich so weit kommen lassen?). Die Lebenserfahrung, die jedem Menschen mit 18 Jahren noch fehlt, um gerade die alltäglichen Probleme (Ämtergänge, alleine einen Haushalt führen) mit der Krankheit in Einklang zu bringen, konnte ich hier nachholen.

Ich fand mit Lamotrigin ein geeignetes Medikament, auf dem ich lange gut eingestellt war. Es wäre keine Bipolare Störung, wenn sie nur unipolare Effekte, also negative hätte. Es gab durchaus Vorteile, gerade das frühe Auftreten und die frühe Diagnose. In einem Alter, in dem man keine Familie versorgen oder einen Beruf ausüben muss, wird man im freien Fall der Depression, wie im Freiflug der Manie von den Eltern existentiell noch aufgefangen. Durch frühes Erkennen der Probleme lassen sich auch früh schon Bewältigungsstrategien entwickeln. Für mich persönlich war die Bipolare Störung auch in sofern positiv, als die lange Beschäftigung mit psychischen Krankheiten und den dahinter stehenden Ursachen mein Interesse an einem Medizinstudium weckte. Vor einem halben Jahr habe ich mit dem Studium begonnen.

Ich nehme seit anderthalb Jahren keine Medikamente mehr. Natürlich habe ich noch die Hochs und Tiefs, aber ich weiß, wie man damit umgeht und es macht mir wirklich nichts mehr aus.

Geschrieben von Karla

Die bipolaren Störung sind eine der verzwicktesten Dinge, die ich überhaupt kenne und in der Konsequenz eine sehr skurrile, und leider in viel zu vielen Fälle extrem traurige Geschichte. Ich glaube in keiner Erkrankung spiegelt sich so sehr das wieder, was Mensch sein, Gefühle haben und LEBEN definiert und ausmacht. Manche Menschen die diese Erkrankung haben können in einer Stunde das Gefühl der Größte, der Beste und der Schönste zu sein erleben und innerhalb von Sekunden in das schwarz dunkeltiefe Loch des Nichts und des Schmerzes abstürzen und keine Minute später i dann wieder in einer ganz anderen Galaxie sein. Und wenn man das ein paar mal mitgemacht hat und dann plötzlich wieder die Schilder des Lebens identifizieren kann und dann auch noch anfängt, auf den Wegen zu laufen ohne sich wieder groß im Labyrinth zu verirren, dann hat man vielleicht sehr wahrscheinlich mehr vom Ganzen verstanden, als manch berühmter Philosoph, der sich 60 Jahre die Wörter aus den Fingern geschnitten hat und im Ergebnis doch nichts verstanden hat, weil eben eine reine Korrektur der Dioptrienwerte nicht ausreicht, wenn man dazu auch noch schielt und so die ganze Sicht zwar in sich geschlossen harmonisch und logisch ist, aber der Blinkwinkel wird einfach immer daneben sein und der Stolz hält einen davon ab, sich dazu dann auch zu bekennen. Sich einem Sachverhalt bewusst zu sein rein halt nicht und ich bin glaube ich häufig auch nicht viel besser.

David Foster Wallace, Licensed under the Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0Am 24. August ist es endlich so weit, denn da wird das Buch Unendlicher Spaß (Infinite Jest) von David Foster Wallace nach 6 Jahren Übersetzungsarbeit durch  Ulrich Blumenbach in Deutschland erscheinen. Zum ersten Mal wurde ich auf DFW, wie seine Fans ihn nennen aufmerksam, als ich von seinem tragischen Suizid im September 2008 gelesen habe. Siehe: David Foster Wallace tot aufgefunden

In den USA hatte er bereits schon vor seinem Tod Kultstatus, der durch den postmodernen Roman “Infinite Jest” entstanden ist und sein Tod wird diesen nur weiter verstärkt haben. Die Deutsche Presse feiert das Buch schon jetzt als Jahrhundert Roman und das Time Magazine wählte “Unendlicher Spaß” in die Liste der 100 bedeudensten Bücher der englischsprachigen Literatur seit 1923.

Infinite Jest spielt in einer fiktiven Zukunft, in der die USA, zusammen mit Mexiko und Kanada die Organisation der Nordamerikanischen Staaten bilden. Das Buch spielt in einer Welt, in der Firmen die Namensrechte an Kalenderjahren kaufen, in der Werbung und Konsum alles sind. Mit seinem Werk startet Wallace einen Streifzug über so verschiedene Themen wie Tennis, Drogenmissbrauch, Depressionen, Kindesmissbrauch, Werbung und Film-Theorie. Nichts lässt er aus. Ein Buch über vielleicht einfach alles. Was für ein Genie muss man sein, um solche Themen mit der fraktalen Geometrie fliegender Matratzen und der Gedankenwelt radebrechender frankokanadischer Rollstuhlterroristen zu verbinden?

Der Übersetzer Blumenbach leistete mit dieser Übersetzung enormes. Dem italienischen Übersetzern erschienen manche Passagen so schwer, dass er sich nicht im Stande fühlte, diese zu Übersetzen. Blumenbach musste zahlreiche Experten bei der Übersetzung zu Rate ziehen. Einfach zu viele Wörter die DFW benutze tauchten in keinem Wörterbuch. Somit ist aber auch der stolze Preis von 39,95 EUR für so ein Buch gerechtfertigt. Schließlich bekommt man dafür über 1.500 Seiten reines Lesevergnügen, eben unendlichen Spaß und was sind da schon 40 EUR? Ich würde, um das Buch lesen zu können auch hungern.

Links zu Artikeln über David Foster Wallace:

Interview mit der Zeit: “Bücher, die nach Seele klingen”

Artikel in Spiegel Online: “Wer schreiben will, muss leben”

Die Übersetzungsarbeit: “Wer einen Jahrhundertroman übersetzt, entdeckt die Welt”

Nachruf auf David Wallace: “Manischer Zweifler”

ZEITjUNG: “Im  Tennisshirt in die Zukunft”

Zum Nutzen von sozialen Netzwerken zur Verbesserung der Früherkennung und Prävention von psychischen Krankheiten

Bisher gibt es in Deutschland nur wenige Früherkennungszentren für psychische Krankheiten. Die Erkenntnis, dass es durch frühzeitige Intervention möglich ist, den Verlauf einer psychischen Erkrankung dramatisch zu verbessern und so die negativen Konsequenzen zu mildern ist noch relativ neu. Krebsvorsorgeuntersuchungen, Schutzimpfungen und ähnliches sind heute allgemein bekannte und anerkannte Methoden, um den Ausbruch bestimmter Krankheiten zu verzögern oder sogar komplett zu vermeiden. Wie sich psychische Krankheiten verhindern lassen ist aber noch weitgehend unbekannt, es stellt sich auch die Frage, ob dies überhaupt möglich ist. Daraus ergibt sich, dass insbesondere die Früherkennung eine wichtige Rolle bei der Behandlung von psychischen Krankheiten spielt. Viel zu häufig ist es der Fall, dass Patienten erst nach jahrelangen Irrwegen einen qualifizierten Facharzt aufsuchen und eine adäquate Behandlung erhalten. Dieses Verhaltensweise hat viele Gründe und es würde den Rahmen dieser kleinen Abhandlung sprengen, sie alle aufzulisten. Trotzdem gibt es einige besonders wichtige Punkte, die ich hier aufführen und erörtern möchte.

Unter solchen Begriffen wie Depressionen, Burn-Out oder Psychose kann sich heute praktisch jeder etwas vorstellen aber was sich für Krankheitsbilder dahinter wirklich verbergen ist in der Allgemeinbevölkerung eher unbekannt. Es gibt viel Halbwissen, genau so wie Vorurteile und falsche Vorstellungen über Menschen, die an psychischen Erkrankung leiden. Das ist sicher eine der Gründe, warum viele Menschen erst viel zu spät professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Noch viel zu häufig wird über psychische Krankheiten nur mit vorgehaltener Hand gesprochen, eine breite gesellschaftliche Diskussion findet nicht statt und dabei wäre diese so wichtig. Im Jahr 2007 waren erstmalig psychische Krankheiten für die meisten Behandlungstage im Krankenhaus verantwortlich.

Schon seit Jahren ist es im Schulunterricht Standard, dass Aufklärung über Suchtstoffe, AIDS, HIV und ähnlichem betrieben wird. So weit mir bekannt spielen psychische Krankheiten aber in den jeweiligen Lehrplänen, die maßgeblich für den Unterricht sind, keine Rolle. Es bleibt der Eigeninitiative des jeweiligen Lehrers überlassen, ob solche Themen in der Schule angesprochen werden oder nicht. Dabei wäre es sehr wichtig, Jugendliche, vielleicht auch schon Kinder mit dem Thema psychische Krankheiten vertraut zu machen, um Vorurteile und Hemmungen abzubauen. Es stellt sich auch die Frage, wie Jugendliche und junge Erwachsene, die in einer Risikogruppe für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung sind oder solche, die schon erste, häufig noch unspezifische Symptome zeigen, frühzeitig erreicht werden können.

Da psychische Krankheiten meistens bereits im Kindes- und Jugendalter so wie in der Adoleszenz beginnen, ist diese Zielgruppe von besonderem Interesse und Bedeutung für die Früherkennung von psychischen Krankheiten. Um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene frühzeitig anzusprechen kommt uns ihr Freizeitverhalten entgegen. Das Internet und soziale Netzwerke wie schülerVZ, studiVZ, Facebook und MySpace haben mittlerweile für dieses Altersgruppe eine enorme Bedeutung erreicht. Schon heute Nutzen Parteien und Unternehmen die Möglichkeit, sich ihren Zielgruppen zu präsentieren. Nichts liegt näher, diese Werkzeuge der Kommunikation auch für die Früherkennung von psychischen Krankheiten einzusetzen und die Zielgruppen altersgerecht anzusprechen, um Wissen über psychische Krankheiten zu vermitteln. Dabei kommt die (vermeintliche) Anonymität die im Internet herrscht diesem Anliegen entgegen. Soziale Netzwerke sollten von Früherkennungszentren für psychische Krankheiten dazu benutzt werden, ihr Anliegen und ihre Möglichkeiten zu präsentieren, denn die Hemmschwelle für eine Kontaktaufnahme seitens der Zielgruppe ist im Internet wesentlich niedriger als in der realen Welt. Es geht schneller und ist einfacher als einen Termin bei einem Psychiater oder einem Früherkennungszentrum zu vereinbaren. Gleichzeitig könnten die Profile benutzt werden, um bereits grundlegendes Wissen über psychische Erkrankungen bereitzustellen und auf Seiten mit weiter führenden Informationen zu verweisen. Im Idealfall sollte es möglich sein, bereits über ein soziales Netzwerk einen Termin in einem Früherkennungszentrum vereinbaren zu können.

Im Allgemein wäre damit zu rechnen, dass die Betreiber von sozialen Netzwerken ein Interesse daran haben, sich möglichst positiv darzustellen und auf die nützlichen Möglichkeiten ihrer Angebote hinzuweisen. In der Vergangenheit hat insbesondere das Netzwerk „schülerVZ“ durch Berichte, wie sich Schüler dort gegenseitig gemobbt und attackiert haben, Schlagzeilen gemacht. Somit wäre es vielleicht möglich, die Betreiber direkt zur Mitarbeit bei solchen Projekten zu bewegen.

Zu beachten wäre, dass die Profile zielgruppengerecht erstellt werden und sie Lust darauf machen, mehr über das Thema psychische Krankheiten zu erfahren. Schüler sollten dabei anders angesprochen werden als Studenten oder Jugendliche, die bereits in der Berufsausbildung sind. Das Interesse an Informationen über psychische Krankheiten ist zweifelsohne in diesen Gruppen sehr hoch. Dafür stehen die zahlreichen Foren, wo sich junge Menschen über solche Themen austauschen.

Stichworte: Web 2.0, soziale Netzwerke, Psychiatrie, Prävention, Aufklärung

ZDF infokanal

Heute erreichten mich die bisher feststehenden Sendetermine für den Film “Bipolare Störung – Leben zwischen den Extremen”. Erstmalig ausgestrahlt wird der Film am Sonntag, den 23.08 um 10:45 Uhr. Der Film hat eine Dauer von 15 Minuten und ist auf dem ZDFinfokanal zu sehen. Empfangen kann den Kanal jeder mit einer SAT-Schüssel oder einem Kabelanschluss, an dem ein Digital-Receiver angeschlossen ist. Außerdem wird die Sendung auch auf der Homepage des ZDF zu sehen sein.

Weitere Sendetermine:

Montag 24.08 um 10:45

Dienstag 25.08 um 01:15

Mittwoch 26.08 um 10:45

Freitag 28.08 um 10:45

Für den Frühherbst sind weitere Termine geplant, wo der Film dann auch Abends ausgestrahlt wird. Einen Bericht über die Dreharbeiten mit Fotos findet sich hier: Dreharbeiten mit “Die Filmschmiede”

Karl und die Schule

Schwer atmend, mehr keuchend stand er vor der Türe des Klassenzimmers. Die Zigarette brannte noch in den Lungen und die Füße schmerzten wegen des Spurts von der Bushaltestelle zur Schule. Karl klopfte an der Türe und betrat ohne weitere Aufforderung den Klassenraum. Verärgert betrachtete der Lehrer Karl, in dessen Augen sich Angst und Scham zeigten, was der Lehrer weder zu beachten, noch zu registrieren schien. Die Klasse kicherte.

„Du, wohl mal wieder den Bus verpasst“, höhnte der Lehrer, mehr zur Klasse als zu Karl. Für Karl bedeutete dies die offizielle Genehmigung sich auf seinen Platz in der letzten Reihe setzten zu dürfen, in dessen Nähe einige Schüler bereits eifrig am tuscheln waren. Karl machte sich auf seinen langen Marsch durch die Reihen aber noch bevor er den Raum zur Hälfte durchschritten hatte knallte er auf den Boden. In seiner Hosentasche, aus der noch die Kopfhörer schauten, knackte es und aus den Augenwinkeln konnte Karl noch erkennen, wie eine Schülern ihr Bein wegzog.

Hatte die Klasse vorhin noch gekichert, so steigerte sich dies sich nun zu einem deutlichen Grinsen. Einer, aus der letzten Reihe prustete laut los und warf der Schülerin einen aufmunternden Blick zu. Karl rappelte sich auf. Nur mit großer Anstrengung war es ihm möglich, die Schmerzen des Sturzes und die Tränen zu unterdrücken. Der Lehrer schien von diesem Ereignis wenig mitbekommen zu haben, zumindest nahm er keine Notiz davon. In seinem Gesicht zeigten sich vielmehr Ungeduld und Verärgerung.

Auf seinem Platz angekommen packte Karl seine Schulsachen auf den Tisch und begann, den Tafelanschrieb in sein Heft zu übernehmen. Doch noch bevor er die erste Zeile geschrieben hatte schrie er plötzlich auf; nicht vor Schmerz sondern vor Schreck. Ein Stift viel zu Boden, während von der Wirkung überrascht, Karl‘s Nebensitzer seine Hand zurück zog, in dieser er eben diesen Stift noch gehalten hatte.

Karl hatte nun die volle Aufmerksamkeit seines Lehrers, ungewollt und unprovoziert während ein anderer Schüler äußerte, dass man sich wegen dem Karl gar nicht konzentrieren könnte. Für den Lehrer, der dies ohne Zweifel genau so sah, der Anlass, Karl zu zwei Stunden Nachsitzen zu verurteilen und anschließend zu verkünden: „So wirst du nie einen Schulabschluss schaffen!“

Das Klassenklima veränderte sich. Statt tuscheln herrschte nun gespannte Stille und keiner wollte sich das kommende Schauspiel entgehen lassen. In Karl verwandelte sich das Gefühl der Scham in Wut. Er setzte den Versuch, den Tafelanschrieb in sein Heft zu übertragen, fort, wurde aber wieder, diesmal von einem Papierknäuel am Kopf getroffen.

Der Übeltäter, eine Bank weiter rechts, war schnell identifiziert und bevor Karl die Chance hatte sich noch irgendetwas zu überlegen stand er von seinem mit Metall verstärkten Stuhl auf, packte diesen, stürmte auf sein Opfer los, holte weit aus und wollte ihm diesen über den Kopf ziehen. Dieser konnte sich aber reflexartig ducken und so traf der Stuhl seinen völlig unschuldigen Nebensitzer, der schwer am Kopf getroffen vom Stuhl fiel und damit auf den Steinboden klatsche. Blut floss und keiner lachte.

Nun zeigte sich die Angst in den Augen des Lehrers, in den Augen der Schüler das Entsetzen.

Gerade eben versuchte ich mich an diversen grundsätzlichen Überlegungen zu der Frage, wie denn eine universelle Ethik gestaltet sein müsste, die von allen Menschen akzeptiert werden könnte.  Diese Aufgabe ist so enorm und gewaltig, dass sie wahrscheinlich von Keinem jemals geleistet werden wird. Wahrscheinlich waren sich diejenigen, die das bereits versucht haben, sich diesem Problem bewusst. Zumindest hoffe ich das, weil sonst hätten sie ihr ganzes Werk ziemlich unüberlegt begonnen. Naiv wäre, wenn sie geglaubt hätten, ihre Ethik wäre die einzig Richtige und sollte absoluten Bestand haben. Zumindest scheinen manchmal wahre Romantiker am Werk gewesen zu sein.

Vielleicht sollte man erstmal mit etwas ganz Grundlegendem beginnen, nämlich dass zumindest in erster Instanz alles absolute wohl unvernünftig ist. Extreme Positionen resultieren fast immer, womit ich mir selber relativ wenig Spielraum gebe, aus einer verzerrten Perspektive auf die Dinge oder aus einer Leidenschaft und spiegeln mehr den individuellen Erfahrungshintergrund als die Realität, wenn es diese denn überhaupt gibt, wobei dieser individuelle Erfahrungshintergrund für den extrem positionierten eben die Realität ist, der er tagtäglich begegnet oder erträgt und somit für ihn seine Ansichten durchaus legitim sind, welche schwer zu verändern, dafür aber einfach zu kritisieren sind. Damit machen sich es die Kritiker übrigens sehr einfach und so verstellen sie sich selbst den tieferen, fundierteren Blick zu einer Thematik.

Aus diesem Sachverhalt ergeben sich zahlreiche interessante Überlegungen und, wenn man denn ein gewisses Ziel verfolgt auch Konsequenzen. Welches Ziel fragt man sich jetzt völlig zu Recht aber dieses Ziel zu definieren ist genau so kompliziert wie das obige Problem. Dabei müsste die Menge der Ethik das Problem der Zieldefinition gelöst enthalten. Da die Unmöglichkeit der Lösung, zumindest mir, ziemlich offensichtlich erscheint haben wir zusammen mit der Zieldefinition so was was wie ein doppelt unlösbares Problem. Hiermit muss ich eingestehen, dass ich nicht die geringste Ahnung habe, was eine Lösung überhaupt ist, geschweige denn davon, wie sie auszusehen hätte und damit lasse ich es erstmal gut sein.

Die Ärztezeitung berichtete am 05.08.2009 darüber, dass das niedersächsische Kultusministerium den Schulunterricht für psychisch kranke Kinder, die stationär behandelt werden auf gerade mal zwei Wochenstunden gekürzt hat. Das Ministerium begründet dies mit “Verteilungsgerechtigkeit”.

Für die betroffenen Kinder ist dies eine Katastrophe. Nicht wenige haben vor einer Klinikeinweisung bereits erhebliche schulische Defizite, leiden an Schulangst und Versagensängsten neben der ursprünglichen Krankheit, die zur Aufnahme in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie führte. Nun werden also diese Kinder, die bereits schon erhebliche Defizite haben massiv schlechter gestellt, also die gesunden Gleichaltrigen. Nicht selten dauert eine stationäre Behandlung mehrere Monate in der die Kinder aber unbedingt weiter beschult werden sollten. Statt intensive Betreuung und individuelle Förderung für benachteiligte Kinder werden diese nun vom Staat diskriminiert.

Wie sollen denn Kinder, die 3 Monate in stationärer Behandlung waren, in dieser Zeit gerade mal durchschnittlich zwei Wochenstunden unterrichtet sich nach so einer Zeit wieder in den Klassenverband integrieren? Die zuvor bestehenden Defizite sind doch nur größer geworden und nicht kleiner. Der Ausweg wird für viele wohl die Wiederholung eines Schuljahres sein aber was löst dies bei den Kindern auf? Sie kommen aus der Klinik zurück und erfahren sofort wieder Frust und Versagen.

In einer Gesellschaft, in der es sehr auf eine qualifizierte Ausbildung ankommt, werden also mit dem Argument “Verteilungsgerechtigkeit” Kinder, die bereits ein Handicap haben, noch mehr benachteiligt und in der Konsequenz von der Gesellschaft ausgegrenzt. Ich finde das skandalös.

Zum Artikel der Ärztezeitung geht es hier: Psychisch kranke Kinder als Sparobjekte

Aus Spiegel Online:

Neuer Skandal um Medizin-Fachblätter: Ein Pharmakonzern ließ positive Artikel über Hormonersatz-Therapien von Ghostwritern schreiben – und von Forschern unter ihrem Namen in den Journalen plazieren. Auch dann noch, als das Brustkrebs-Risiko für Frauen bereits bekannt war.

Jahrelang schluckten Millionen Frauen Hormone – als vermeintlich einfache, aber wirksame Therapie gegen Hitzewallungen, Herzrasen und Schweißausbrüche in den Wechseljahren. Was kaum ein Arzt und noch weniger Frauen ahnten: Indem die Patientinnen ihre Beschwerden mit Hormonpräparaten linderten, erhöhten sie das Risiko für Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Demenz.

ine entscheidende Rolle in dieser rückblickend gefährlichen Verschreibungspraxis hat offenbar der US-amerikanische Konzern Wyeth gespielt. Die zu den zehn weltweit größten Pharmaunternehmen gehörende Firma hat auf dem US-Markt mit den Hormonersatz-Präparaten Premarin und Prempro riesige Umsätze erzielt – im Jahr 2001 allein zwei Milliarden Dollar. Wie die “New York Times” jetzt berichtet, hat der Konzern hohe Summen an PR-Firmen bezahlt, die positiv über die Vorteile der Hormon-Ersatztherapie (HRT) geschrieben und Risiken heruntergespielt haben. Anschließend hätten Mediziner ihre Namen über die bereits fertigen Berichte gesetzt.

Weiter lesen auf Spiegel Online: US-Pharmafirma beauftragt Ghostwriter Studien zu schreiben

Dieses Beispiel ist wieder einmal ein trauriger Beleg dafür, dass in der Pharmaindustrie anscheinend der Profit deutlich vor der Verantwortung für Nebenwirkungen von Medikamenten steht. So lange mann einen Weg sieht, ein Produkt zu verkaufen wird das auch getan. Offensichtlich sind pharmazeutische Produkte für die Produzenten nichts anderes als Spielkonsolen, Bücher oder Autos. Nur die Marketingmethoden unterscheiden sich.

Besonders bedenklich ist auch, dass weder für den Laien, noch für einen Arzt, auch nach gründlicher Prüfung erstmal nicht ersichtlich ist, wie seriös ein Artikel in einer medizinischen Fachzeitschrift ist. Forschung basiert auf Vertrauen in die Ergebnisse aber wenn selbst renommierte Medizinmagazine auf die Artikel der Pharmaindustrie hereinfallen, wie kann man da auch nur im Ansatz glauben, was dort alles veröffentlich wird?

Es bleibt die Hoffnung, dass die verantwortlichen Redakteure und Mitarbeiter der Zeitschriften in Zukunft kritischer überprüfen, wer der eigentliche Verfasser einer Studie und eines Artikels ist.

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